Jahrzehntelang waren NS-Akten prominenter westdeutscher Politiker, Diplomaten, Staatsanwälte, Wissenschaftler, Künstler und Journalisten weggeschlossen in einem Safe der US-Besatzung. Sie fürchtete einen Missbrauch durch kommunistische Geheimdienste und Instabilität für die junge Bundesrepublik. Erst jetzt wird bekannt, um wen es sich dabei handelte.
Nachdem dem US-Militär 1945 die Mitgliederkartei der NSDAP in die Hände gefallen war, brachten sie die Dokumente nach West-Berlin und verwahrten sie dort zusammen mit Personalunterlagen von SS und SA und anderen personenbezogenen Archivbeständen im so genannten Berlin Document Center 7771 (BDC). Insgesamt lagerten in den abgeschirmten und bewachten Gebäuden im Stadtteil Zehlendorf neben den 4.427.351 verbliebenen Mitgliedskarten der so genannten Zentralkartei der NSDAP 8.289.661 Karten der Ortsgruppenkartei, die erst nach den Gauen der NSDAP, dann ortsgruppenweise sortiert war. Darüber hinaus umfasste der Bestand des BDC rund 600.000 Aufnahmeanträge sowie rund 300.000 Personalakten der SS und der SA. Für Historiker wie für Familienforscher sind Unterlagen des früheren BDC von unschätzbarem Wert.
Das BDC war eingerichtet worden, um mögliche NS-Verbrecher anhand eines zentralisierten Aktenbestands identifizieren zu können. Viele Funktionsträger des NS-Regimes machten Karriere im Nachkriegsdeutschland, auch in der Politik, der Justiz oder in den Medien. Die US-amerikanischen Besatzer erkannten schnell, dass die Akten im BDC für einen Teil der neuen Elite der Bundesrepublik gefährlich werden konnten und etwa durch Geheimdienste kommunistischer Staaten missbraucht werden hätten können. Daher begann man, persönliche Unterlagen zu zahlreichen Prominenten aus dem allgemeinen Archivbestand auszusortieren und im Safe des BDC-Direktors zu verschließen. Der erste Hinweis auf dieses Vorgehen stammt von 1955. Darunter waren die Karteikarten von einem Bundeskanzler (Kurt Georg Kiesinger), zwei Bundespräsidenten (Karl Carstens und Walter Scheel), zwei Bundestagspräsidenten (Carstens und Richard Stücklen), 17 Ministern aus allen Kabinetten zwischen Konrad Adenauer (1949 bis 1963) und Helmut Kohl (1982 bis 1998), auch von Staatssekretären, Staatsanwälten, einem Präsidenten des Bundesarchivs und zahlreichen Journalisten. Unter den Prominenten, deren Akten im Giftschrank lagen, waren außerdem der Philosoph Walter Jens, die Schriftsteller Martin Walser, Siegfried Lenz und Tankred Dorst der Historkier Martin Broszat sowie der Kabarettist Dieter Hildebrandt. Sie alle waren als Jugendliche oder junge Männer der NSDAP beigetreten.
Die Bundesregierung wusste spätestens seit 1976 von der Existenz des Giftschranks, als BDC-Direktor Simon einem deutschen Diplomaten sagte, „politisch heiße Akten, die Vorgänge über im politischen Leben der BRD bekannte oder aktive Persönlichkeiten enthalten“, würden unter „besonderem Verschluss“ gehalten. Als Bundeskanzler Helmut Schmidt vom Giftschrank erfuhr, setzte er sich vehement für die Übergabe der NS-Akten an die Bundesrepublik ein, zunächst aber erfolglos. EIn Grund dafür lag darin, dass die anderen Siegermächte, Frankreich, die Sowjetunion und Großbritannien, argwöhnisch verfolgten, wie Amerikaner und Westdeutsche mit dem Nazi-Erbe umgingen und 1967 die damals bereits geplante Übergabe des BDC an die Bundesregierung verhinderten. Erst 1994 kam es dazu.
Allerdings war bereits in den 1980er-Jahren der Zugang zum BDC erleichtert worden, nicht zuletzt, weil immer wieder prominente Originale von Mitarbeitern aus dem BDC entwendet und auf dem Schwarzmarkt für drei- bis vierstellige Summen verkauft worden waren. Adolf Hitlers Mitgliedskarte nach der Neugründung der NSDAP 1925 verschwand offenbar bereits zwischen 1941 und 1945 – deshalb wurde eine Ersatzkarte ausgefertigt.
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