Der Verein „Lebensborn“ war ein Instrument der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Rassenpolitik und sollte der Förderung und Vermehrung „guten Blutes“ dienen. Er wurde im Dezember 1935 vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler gegründet, der auch als Vorsitzender des Vereins fungierte.
Der Verein Lebensborn unterhielt Entbindungs- und Kinderheime in Deutschland und in den besetzten europäischen Gebieten. Man unterstützte werdende Mütter – unter der Voraussetzung, dass sie und die Kindsväter „arisch“ und „erbgesund“ waren, man also „rassisch wertvollen“ Nachwuchs meinte erwarten zu können. Insbesondere SS-Männern sollte die Möglichkeit eröffnet werden, dass uneheliche Kinder unter strenger Geheimhaltung geboren werden. Doch nur für die, die den SS-Ausleseprinzipien entsprachen, übernahm der Verein Lebensborn anschließend die Vormundschaft. Behinderte Kinder fielen dem Euthanasie-Mordprogramm zum Opfer. Die „rassisch wertvollen“ Kinder hingegen, die in den Heimen zur Welt kamen, wurden mit einer speziellen Namensgebungsfeier in die so genannte SS-Sippengemeinschaft aufgenommen und häufig in die Familien von SS-Angehörigen gegeben. Unterstützt wurden auch Ehefrauen von SS-Männern, Bräute und Ehefrauen von Polizisten sowie sonstige Frauen, die den rassisch-biologistischen Idealen der SS entsprachen und ihre Schwangerschaft vor der Öffentlichkeit verheimlichen wollten. Himmler wollte mit dem Verein Lebensborn gegen hohe Abtreibungszahlen und die sinkende Geburtenrate vorgehen, um dem Verlust potenzieller Arbeitskräfte und Soldaten für den Staat entgegenzuwirken und die größtmögliche Vermehrung einer „rassisch wertvollen“ Bevölkerung zu befördern.
Um die Geheimhaltung zu wahren, unterhielt der Lebensborn eigene polizeiliche Meldeämter und Standesämter. Es wurden auch nachträgliche Trauungen vollzogen oder den Müttern Arbeitsstellen vermittelt. Frauen konnten ihre Schwangerschaft, die Geburt und sogar das Kind selbst vor der eigenen Familie, dem Arbeitgeber und den staatlichen Behörden verbergen.
In eigenen so genannten Mütterschulen wurden Schulungen in SS-konformer Weltanschauung angeboten in Haushaltsführung, Kinderpflege und Krankenbetreuung. Im Deutschen Reich existierten Heime in Steinhöring bei München, in Bad Polzin in Pommern, in Hohehorst bei Bremen, in Wernigerode am Harz, in Klosterheide bei Berlin, in Wiesbaden am Taunus, in Kohren-Sahlis bei Leipzig, in Nordrach im Schwarzwald, auf dem Bocksberg in Franken sowie in der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach. In Österreich folgten ab 1938 Heime in Pernitz bei Wien und im Schloss Oberweis bei Gmunden am Traunsee. In der enteigneten Villa von Thomas Mann in München war zeitweise die Lebensborn-Verwaltung untergebracht.
Während des Zweiten Weltkrieges erweiterte sich der Aufgabenbereich des Lebensborn: Himmler ordnete die Eindeutschung von Kindern aus Polen, Norwegen, den Niederlanden, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Jugoslawien, der Sowjetunion, Rumänien und der Tschechoslowakei an. Man nahm Zehntausende Kinder ihren Eltern weg oder verschleppte sie aus Waisenhäusern. Der Verein Lebensborn wirkte maßgeblich daran mit, diese geraubten Kinder, an deutsche Pflege- oder Adoptionsstellen zu vermitteln. In der Nachkriegszeit wurden diese unehelichen Kinder deutscher Besatzer in ihren Herkunftsländern als „Bastarde“ und ihre Mütter als Kollaborateurinnen und „Deutschenflittchen“ verunglimpft und diskriminiert.
Viele der zwangsgermanisierten oder in den Lebensborn-Heimen geborenen Kinder sowie der unehelichen Kinder von SS-Männern oder Wehrmachts-Soldaten erfuhren zeitlebens nichts über ihre wahre Abstammung. Jene, die etwas ahnten oder wussten und ihre Herkunft hinterfragten, stießen oft auf Mauern des Schweigens. Viele suchen bis heute nach ihren Wurzeln. Denn für Betroffene ist es schwer, schriftliche Belege ihrer wahren Identität zu finden. Grund dafür ist die strenge Geheimhaltung durch Lebensborn, das bewusst verschleiernde Verfahren der Beurkundung und Aktenführung, die Umbenennung der Kinder sowie die gezielte Vernichtung von Unterlagen bei Kriegsende.
Die wichtigste Quelle zum Thema Lebensborn sind heute die Arolsen Archives in der nordhessischen Stadt Bad Arolsen. Darüber hinaus verfügt der Suchdienst des Roten Kreuzes über viele Informationen sowie eingeschränkt das Bundesarchiv.
Mehr erfahren: Bundesarchiv
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1973-010-11 / CC-BY-SA 3.0 DE
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