Es ist dem Mut von Hanns Huber zu verdanken, des Betriebsleiters der Papierfabrik Josef Wirt in Freimann bei München, dass die NSDAP-Mitgliederkartei nicht vernichtet wurde. Ende April 1945 sollte er Millionen Akten aus der NSDAP-Parteizentrale ganz schnell zu Papierbrei verarbeiten. Unter Lebensgefahr versteckte sie Huber und übergab sie später den Amerikanern.
Am 15. April 1945 tauchte ein hoher Funktionär aus der NSDAP-Parteizentrale auf dem Gelände der Papierfabrik Josef Wirth in Freimann, im Norden von München auf und kündigte dem Betriebsleiter Hanns Huber die Lieferung einer großen Menge Papier an. Die US-Armee stand kurz vor der Stadt, ganz schnell wollte man noch Akten vernichten. In den kommenden Tagen wurden mit Lkw fast 65 Tonnen Papier auf dem Hof der Papiermühle angeliefert, und Huber erkannte sofort, um was es sich dabei handelte: Karteikarten und Unterlagen der 1945 rund neun Millionen Mitglieder der Nazi-Partei.
Huber führte den Befehl nicht aus, sondern versteckte die Dokumente unter anderem Altpapier. Dass er damit sein Leben riskierte, muss ihm klar gewesen sein. Auf der nahe gelegenen Fröttmaninger Heide wurden in den letzten Kriegstagen fahnenflüchtige Soldaten erschossen. Mehrmals erschienen Mitarbeiter der Partei in der Papiermühle und fragten bei Huber nach, warum die Papierberge in der Mühle immer größer würden. Huber erklärte ihnen, dass die Fabrik wegen der Kohlenknappheit nicht mit vollem Betrieb arbeiten könne und sich wegen der Vorzugsbehandlung der Partei andere Aufträge stauten. Zu seinem Glück sah niemand genauer in den Papierhaufen nach.
So wurde Hanns Huber zum Retter der NSDAP-Akten. Dass man von seinem Mut überhaupt weiß, ist einem Reporter der damaligen Neuen Zeitung zu verdanken, der im Oktober 1945 über Huber und die Rettung der Akten schrieb. Damnach war sich der damals 49 Jahre alte, aus dem Allgäu stammende Direktor der Papierfabrik „vollauf bewußt, von welch weittragender Bedeutung der Fund ist, aber er ist auch gewiß, seinem Land den besten Dienst erwiesen zu haben, indem er half, eine ‚Tarnung‘ von Elementen, die an dem Aufbau seiner Heimat und einer allgemeinen Befriedung kein Interesse haben, das Handwerk zu legen“. Huber war kein Parteimitglied und konnte offenbar auch seinen Angestellten vertrauen. „Huber wußte, dass er ihnen allen volles Vertrauen schenken konnte“, schrieb der Reporter der Neuen Zeitung. Während München weitgehend kampflos an die Amerikaner übergeben wurde, fiel Freimann erst nach schweren Gefechten an die US-Armee. Der Grund dafür war, dass in dem Ort mehrere Militärstützpunkte lagen, vor allem die SS-Kaserne an der Ingolstädter Straße, deren Einheiten heftigen Widerstand leisten. Noch am Morgen des 30. April, wenige Stunden vor dem Eintreffen der Amerikaner, sprengen SS-Männer die Bahnbrücken in Freimann. Hanns Huber wurde von den Befreiern zum Zweiten Bürgermeister ernannt. Sofort berichtete er ihnen von den NSDAP-Akten in seiner Mühle, doch die Befehlshaber der Einheit erkannten zunächst nicht den Wert, der in den Papierbergen verborgen lag. Erst Monate nach Hubers Meldung wurden die Akten abgeholt und ausgewertet. Die Verzögerung führte auf amerikanischer Seite zu Unmut. „Jeder verdammte Idiot“ hätte die Bedeutung des Fundes in der Papiermühle erkennen müssen, schimpfte der Archivberater der Militärregierung Sargent B. Child nach einem Besuch der Mühle im Oktober 1945. Denn von nun an habe die Kartei „als der wichtigste Aktenfund im Deutschen Reich“ gegolten, schreibt die Historikerin Astrid Eckert in ihrer Dissertation „Kampf um die Akten“. „Sie wurden als Schlüssel für das Aufsprengen von NSDAP-Untergrundaktivitäten, zur Enttarnung der Mitglieder im Ausland und zur raschen Entnazifizierung angesehen.“ Nach der Auswertung kamen die Akten ins Berlin Document Center, das die Alliierten zur Identifikation der NS-Verbrecher eingerichtetet hatten. Eine Kopie der Mitgliederkartei auf Mikrofilm ging nach Washingten ins nationale Archiv der USA, das die Bestände nun digitalisiert ins Internet stellte. Die in der Papiermühle geretteten Akten wurden später dem Bundesarchiv übergeben.
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Foto: Mohr-Villa Stadtteilarchiv Freimann / Familienarchiv Wirth
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